
Pravo na laganje
Kant argumentierte, dass es kein Recht zu lügen gebe, da die Wahrheit zu sagen eine absolute Pflicht sei, wohingegen Constant die Möglichkeit einer Ausnahme von dieser Pflicht befürwortete und argumentierte, dass man zum Wohle der Allgemeinheit lügen soll
Diese Diskussion aus dem Jahr 1797 beginnt mit Constants Kritik an Kant in seinem Essay „Des réactions politiques“: Eine absolute Pflicht zur Wahrheit würde, bedingungslos angewendet, die Gesellschaft zerstören. Constant führt ein Beispiel an: Fragt ein Mörder nach einem Freund, der sich in Ihrem Haus versteckt hält, wäre eine Lüge aus Nächstenliebe gerechtfertigt – denn der Mörder hat kein Recht auf die Wahrheit.
Kant antwortet entschieden und verteidigt das absolute Verbot des Lügens. Kants Hauptargumente:
– Der Ausdruck „Recht auf die Wahrheit“ ist bedeutungslos – es gibt kein objektives Recht auf die Wahrheit, sondern nur eine subjektive Pflicht zur Wahrhaftigkeit (veracitas) gegenüber sich selbst und anderen.
– Eine Lüge ist eine bewusste Unwahrheit in einer Aussage gegenüber einem anderen – sie hängt nicht von einem Schaden ab, sondern von der Verletzung einer formalen Vernunftpflicht.
– Die Pflicht zur Wahrheit ist kategorisch, ohne Ausnahmen – die Grundlage aller Verträge, Treuhandverhältnisse und Rechte. Wird eine Ausnahme zugelassen (z. B. aus Nächstenliebe), verliert die Maxime ihre universelle Gültigkeit: Die Welt würde in ein Chaos des Misstrauens versinken.
In Constants Beispiel: Lügt man einen Mörder an, verletzt man seine Pflicht – selbst wenn man ihm nicht versehentlich schadet, ist die Lüge ein Vernunftvergehen. Zwingt der Mörder einen zu einer Aussage, ist die Lüge zwar ein Falschsiloquium (eine Unwahrheit), aber dennoch eine Pflichtverletzung – man trägt die Verantwortung für die Folgen, wenn die Lüge das Verbrechen ermöglicht.
Kant duldet keine Notlügen – Wahrhaftigkeit ist ein heiliges Gebot der Vernunft, von unbegrenztem Nutzen. Constant sieht darin eine Starrheit, die die Gesellschaft zerstört; Kant sieht Constants Ansatz als Opportunismus, der die Grundlagen der Moral untergräbt.
Diese Debatte – eine der bekanntesten in der Ethik – verdeutlicht den Konflikt zwischen absolutem Deontologismus und pragmatischem Konsequentialismus.
Angeboten wird ein Exemplar





